Ursus Minor - Zugzwang (2005) (Hope Street/RecRec) |
|
|
| von Severin Bellwald am Dienstag, 21. Juni 2005 in Neuerscheinungen | |
|
Die Jazzparov-Eröffnung: Kein Bauernopfer Entgegen der Meinung, die durch den Albumtitel entstehen könnte, handelt es sich hier um kein deutschsprachiges Werk. Wie sowohl auf dem Cover als auch in Zugzwang 21 erklärt wird, bezeichnet man damit die Situation in einem Schachspiel, wenn ein Spieler sich mit seinem nächsten Zug selber nur in eine schlechtere Ausgangslage bringen kann. Diesen Begriff als Albumnamen zu verwenden mag erster Hinweis darauf sein, dass die 13 Tracks – mit englischen und französischen Texten – nicht „nur“ Musik sein wollen, sondern bemüht sind, eine Message zu übermitteln. Das klingt nicht nur konventionell, sondern ist es auch. Tatsächlich beschränkt sich diese Botschaft nämlich auf bereits oft Dargestelltes: Die Welt ist voller Missstände. Voller Kriege und Rassismus, voller Hass und Habgier. Ursus Minor folgen den Spuren ihrer zahlreichen Vorgänger noch weiter und machen in bester Moore-Manier die USA als Hauptschuldige aus. So weit, so mittelmässig. Die Besonderheit dieser Scheibe ergibt sich daraus, dass die Musik für ein Mal nicht blosses Übermittlungsmedium, sondern gewichtiger Teil der beschriebenen Botschaft ist. Wenn die E-Gitarre das Keyboard ankreischt, welches gerade anderweitig beschäftigt ist und das Saxophon sich mit sich selbst duelliert, ist das mehr als blosses Chaos und Improvisation. Vielmehr verleiht dies den eindimensionalen Texten eine plastische Wirkung und macht auf die facettenreiche Verworrenheit der Realität aufmerksam. Es lässt sogar den Eindruck entstehen, als wären die im wütenden Rap vorgetragenen Texte nur ein weiteres Instrument, das sich im allgemeinen Jazz-Tumult Gehör verschaffen will, jedoch nicht im Fokus steht. Diese anarchistische Power, die knapp die Hälfte der Tracks antreibt, wirkt teilweise hoffnungslos überfüllt und die Mischung aus Jazz, Big Beats und Hip Hop (begrüsst das zahlreich vertretene „F-Wort“, das manchmal sogar seine Mutter mitbringt) ist auf Dauer nicht leicht zu ertragen. Um Kopfschmerzen des Hörers vorzubeugen, wechseln sich diese aggressiv anklagenden Tracks regelmässig mit friedlicheren Tönen aus der Sparte Funk/Soul ab, die von der Sängerin Ada Dyer begleitet werden. Diese Songs, stilistisch an Meshell Ndegeocello erinnernd, unterscheiden sich stark von den wilden Raps, sind gut getimt ohne aber zu langweilen und erfreuen das Herz mit Funken sprühenden Intermezzos, damit man genügend Energie für die nächstfolgende gehässige Anprangerung sammeln kann. Trotzdem ist Zugzwang wohl kein Werk, das bei erstmaligem Hören begeistert. Lernt man aber mit der Situation umzugehen, dass man im einen Moment noch in gemütlichem Dämmerlicht auf der Couch hängt und sich schon im nächsten geblendet von grellem Licht auf einem klapprigen Holzstuhl wieder findet, bieten Ursus Minor spannende und interessante Musik, die ein wenig Zeit und Duldsamkeit verdienen würde. Seit 2. Mai 2005 im Handel. Anspieltipps: Square Dance Rap, Qui Avance?, Portable Solution similar artists: Maxim, Meshell Ndegeocello, Tré Hardson > Hören und Kaufen > Label > CH-Vertrieb Bio: Der Kern von Ursus Minor besteht aus Tony Hyams (Keyboards, Tourbegleiter von Jeff Beck und Komponist für das Londoner Symphonie Orchester), Jef Lee Johnson (Gitarre, Begleiter von Aretha Franklin, D`Angelo, The Roots, Common u.v.a.), David King (Drums, bekannt aus der Szene von Minneapolis) und François Corneloup (Saxophon, bekannt aus der französischen Jazz-Szene). Zum erweiterten Kreis gehören Sängerin Ada Dyer (Meant to be von Motown, 1988), die Rapper Boots Riley, M1, Umi, D` de Kabal und Spike sowie Gitarrist Jeff Beck selber. Ihren ersten Auftritt hatten sie 2003 beim Festival Sons d`hiver. Die Truppe aus den verschiedenen Winkeln der Musik und der Welt, benannt nach dem Sternzeichen „kleiner Bär“, hat es sich zum Ziel gemacht, an jene Dinge zu erinnern, die oft zu schnell vergessen werden. Diskographie: > Zugzwang (2005)
» Noch keine Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
» Kommentar schreiben
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben.
Bitte melden Sie sich an oder registrieren Sie sich. |
| < Zurück | Weiter > |
|---|




