Das ist wieder mal Geschmackssache, wenn Roland Meyer de Voltaire mit „Die Sprechblase ist geplatzt“ schwülstig aber mit Ansage zum Tanz bittet. Voltaire also, das nächste Debüt aus Deutschland, und endlich mal aus keiner sterilisierten Schublade. Nebst den Hamburger Grossmächten scheint sich eine Garde Bands entwickelt zu haben, zu denen man vielleicht auch Voltaire zählen könnte. Denn wie beispielsweise Garish scheuen sich die fünf niemals, in sentimentaler Belanglosigkeit zu enden. Eine Songzeile wie „Wir schauen uns schweigend beide an. Die Hände in den Schoss gelegt“ ist also ganz normal, wellenartige Refrains, die in langgezogenen Vokalen enden, demnach auch. Leider bleiben Voltaire aber vorerst zu sehr Pop, zuviel Kirsche statt Zitrone, zu sehr Radio statt Underground-Konzert. „Asche“ und „Flut“ sind sehr pompös vorgetragen, aber zu wenig originell, um heute noch herauszustechen. Die Texte zwar ordentlich aber zu oft von Ja’s, einzelnen Verben und Szenemetaphern unterbrochen. Aber zum Glück können Voltaire ja viel mehr: „Tür“ ist ein übelst genialer Track, Kampfansage mit Doppelkick und man muss es sagen, wenn irgendwann alles so klingt (Blumfeld gibt’s zwar schon), dann sind Voltaire wegweisend und wichtig. Das musikalisch höchst begabte Quintett kann glücklicherweise auch Balladen schreiben, „Augen Zu“ bleibt auf gloriosem Niveau. Eigentlich ist „Heute Ist Jeder Tag“ sowieso nur ein Vorstellungsgespräch, eine Mappe mit Vorschlägen, passable und perfekte – es sind aber niemals Skizzen, sondern immer abgeschlossene, präzise Songs. Man würde Voltaire wohl ohne schlechtes Gewissen einstellen, ihnen nebst braunorange und schwarz noch weitere Farben zeigen und ihnen vorschlagen, mal über Zwiebeln, Lampenständer und tote Vögel zu singen. Denn je konkreter die Aussagen werden, desto schönere Zeilen entstehen hier: „Ich steck alles hier in Brand, um dich in alle Winde zu verwehen. Ich schmeisse alles raus, um mich wieder lachen zu sehen. Ich steh auf von diesem Platz, auf dem ich so lang gewartet hab, dass du kommst und mich umwebst und mich für immer liebst. Aber diese Tür ist zu!“ Müsste nur noch auf einer Pariser Parkbank stehen.
Es scheint mir, als dürfe man Voltaire nicht cool finden. Ich mach’s trotzdem und warte jetzt schon aufs Nachfolgewerk, wo aus „Such den Ort voller Träume, da wo du bist“ „Erforsch das Tal wirrer Memoiren, da wo du lachst“ werden wird. „Heute Ist Jeder Tag“ bleibt ein ewiges Leuchten und Erlischen des neuen Sterns am Deutschpopmobiles. Hoffentlich explodiert der bald.
Seit dem 17. März 2006 im Handel.
Anspieltipps: Tür; Augen Zu; Kaputt; Vampir; Kleines Mädchen
Trackliste: 1) Zu Schön; 2) Asche; 3) Flut; 4) Tür; 5) Augen Zu; 6) Stille; 7) Kaputt; 8) Wo; 9) Vampir; 10) Wie Du Willst; 11) Heute; 12) Kleines Mädchen; 13) Dummy
similar artists: Garish, Erdmöbel, Darlo, Anajo, Tele
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Bio:
Durch Zufälle haben die Musiker von Voltaire zueinander gefunden: Sänger Meyer de Voltaire, der als Sohn deutscher Diplomaten in Moskau aufwuchs, trifft bei einem klassischen Liederabend auf den Konzertpianisten Hedayet Djeddikar, der Schuberts Winterreise spielte, während der Sänger die Texte dazu interpretierte.
Im Zug, irgendwo zwischen Bonn und Köln, lernt Meyer de Voltaire den angehenden Jazzgitarristen Marian Menge kennen, der ihm zufällig gegenüber sitzt. David Schlechtriemen (Schlagzeug) und Rudolf M. Frauenberger (Bass) vervollständigen die Band schließlich zur endgültigen Fünferbesetzung. Gemeinsam ist ihnen das Interesse am Klang ihrer Musik. Sowohl Schlechtriemen als auch Meyer de Voltaire setzen sich gern an die Regler, um die Sounds zu perfektionieren. Im November 2004 erscheint die "Flut"-EP und beschert der Band einiges an Aufmerksamkeit. Ein Auftritt bei Sarah Kuttner folgt, es geht aufwärts, doch anstatt das Album zeitnah herauszubringen, vergeht noch mehr als ein Jahr bis zur Veröffentlichung. Erst Mitte März 2006 erscheint schließlich das Debütalbum "Heute Ist Jeder Tag".
Diskographie:
> Heute Ist Jeder Tag (2006)