Frontalangriff mit Kriegsbemalung
Verdutzte Blogger und Kritiker zwitschern seit dem ersten Auftauchen des Vierergespanns Warpaint aus Los Angeles von unglaublich intensiven Konzerten. Die Urwucht, die die Band auf der Bühne entfesselt, verschaffte ihr Touren im Vorprogramm von The xx und Akron/Family und ein Signing beim Kult-Label Rough Trade.
Mit dem Hype in den Blogs dieser Welt und prominenten Fürsprechern wie John Frusciante oder RZA im Rücken lässt die Band nun ihr Debütalbum "The Fool" auf eine Hörerschicht los, die täglich neuen Zuwachs erhält. Der Zeitpunkt dafür könnte nicht besser sein. Artverwandte Bands wie The xx, Best Coast oder Wild Nothing erleben einen Höhenflug, wie es noch vor kurzem wohl niemand für möglich gehalten hätte.
Warpaint erfindet auf ihrem Debüt die Welt nicht neu, sondern greift geschmackssicher auf bewährte Modelle zurück, vornehmlich aus dem Baukasten Post-Punk: Die vernebelte Gitarre von The Cure, die Klaustrophobie von Joy Division, die wabbernden Ostinati von Suicide und ganz, ganz viel Hall finden sich auf "The Fool" wieder. Warpaint gelingt es aber, sich nicht auf das Abstellgleis "Retro" zu manövrieren, sondern erschafft zeitlose Musik aus dem Geiste des Punk mit einem klaren Bezug zur musikalischen Gegenwart: Die neun Tracks integrieren neben den klassischen Post-Punk-Elementen auch Harmoniegesang der Marke Cat Power oder CocoRosie, Dirty South-Claps aus dem wieder allgegenwärtigen Roland TR-808, funky breaks und elektronische Spielereien. Dennoch stört dies den Fluss des Albums nicht. Vielmehr entsteht zwischen dem in den Vordergrund gemischten Bass, der die Tracks in fast perkussionsartiger Weise antreibt, dem ätherischen Gesang und der gähnenden Leere in den Oktaven dazwischen eine starke und allgegenwärtige Spannung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht.
Obwohl das Album einen recht homogenen Eindruck macht, gibt es kaum Wiederholungen in der Welt von Warpaint. Dementsprechend weit sind sie vom radiotauglichen Pophit entfernt. The xx, Best Coast und The Drums haben es geschafft, trotz Indie-Attitüde perfekte Pophits zu zimmern. Warpaint geht einen anderen Weg: Die Band setzt auf kontinuierliche Variation nach dem Prinzip "permanente Durchführung" und zielt eher auf den grossen Bogen eines Tracks als auf die möglichst effiziente Abfolge von Strophe und Refrain. Jeder einzelne Track strotzt nur so von musikalischen Einfällen, die sich in enormem Tempo jagen und gerne auch mal in eine minutenlange Jam ausufern dürfen. Da spürt man die Beschäftigung der Band mit Grateful Dead oder Yes. Die vier Damen verarbeiten in einem Track mehr Ideen als andere Bands in einem ganzen Album. Dies geschieht allerdings auf die Kosten der Eingängigkeit: Nach dem Hören des Albums bleibt der Eindruck einer düsteren, faszinierenden Klangwelt im Gedächtnis, die Warpaint mit "overall underwater mood" bezeichnet, die in erster Linie durch das Delay-Pedal und den massigen Hall aus dem Hut gezaubert wird. Nur wenige konkrete Momente bleiben wirklich im Kopf haften wie das wundervolle "Baby", das aber als ein akustischer Fremdkörper eine Sonderstellung inne hat.
Der einzige Track von "The Fool", der auch nur annäherungsweise das Prädikat "Song" verdient, ist die Single "Undertow", die aber bezeichnenderweise in einer editierten Version ausgekuppelt wurde. Vermarktungstechnisch geschickt gibt es die Single im Austausch gegen die e-mail-Adresse als Gratis-Download auf der Website der Band.
Besonders paradigmatisch für die Arbeitsweise von Warpaint ist der mit dem Bandnamen betitelte Track "Warpaint". Der Klangteppich, der an Pink Floyds "Set Control for the Heart of the Sun" erinnert, wird von einem Marschrhythmus überlagert. Die danach einsetzende Unisono-Passage von geisterhaften Stimmen wird in dem Moment besonders fragil, wenn sie sich in frei schwebende Einzelstimmen auflöst. Nach einem kurzen dubbigen Reggaegroove stürzt sich die Band kopfüber in ein längeres Jam als ob es kein morgen gäbe.
Das bereits oben erwähnte "Baby" ist komplett akustisch und steht als Antithese des sonst so treibenden Sounds da. Auch hier steigert sich die Wirkung des Tracks in dem Moment explosiv, wenn der Harmoniegesang in sich voneinander getrennt entwickelnde Gesangslinien übergeht, die die Textzeile "thinking in circles" auf beinahe madrigalistische Weise ausdeuten.
Nicht in jedem Track gelingt es der Band auf gleiche Weise Spannung aufzubauen und manchmal ist auch einfach eine Schicht zu viel aufgetragen worden. Dennoch muss sich das Album durch die unheimliche Intensivität und den Ideenreichtum keineswegs vor solch in den Himmel gelobten CDs wie dem Album von The xx zu verstecken. Als Debütalbum ist es ein klares Statement: Von der Band werden wir noch einiges hören.
Seit 22. Oktober 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Warpaint
> Undertow
> Baby
Diskographie:
> Exquisite Corpse EP (2008)
> The Fool (2010)
Ähnliche Künstler:
> The xx
> Wild Nothing
> The Cure (v.a. "Disintegration")
> Best Coast
> CocoRosie
> Paatos
> Wavves