Ein intensiver September, der nicht
genügend Zeit für alle seine Alben bot - Alben, zu denen unmöglich
geschwiegen werden kann. Dies holen wir hier nach.
10 | The Thermals – Personal Life | Pop-Punk, Lo-Fi | Kill Rockstars | 6.0/10 - S. Müller

Das Trio aus Portland/Oregon präsentiert auf einem sechsten Album zehn neue Songs. Ein relativ düsteres Etwas, dass den
Editors gleicht, ohne Tom Smith's tiefer Stimme sondern mit einem klaren Gesang, der vor allem von Liebe, auch gescheiterter, erzählt. Die minimalistischen Melodien mit einer zum Teil wütend anmutender Gitarre führen den Gesang, zu dem man schnell abrocken und mitgröhlen kann. Verändert mein Leben zwar nicht, wie The Thermals auf dem Opener versprechen ("I'm Gonna Change Your Life"), aber abrocken können ist ab und zu auch gut.
10 | Fotos – Porzellan | New Wave/Indie Pop | Snowhite/Universal | 8.5/10 – P. Gautschi
Die Hambur

ger Band Fotos machte mit dem Debut „Fotos“ (2006) vor allem durch eine gewisse britische Frech- und Unbeschwertheit auf sich aufmerksam.
Bloc Party wurden als Referenz genannt. Tanzbare, spassige Songs wie man sie in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts gerne und häufig konsumierte. Diese Zeiten sind vorbei, keine Spur mehr von Hits wie „Giganten“. Das mittlerweile dritte Album „Porzellan“ bedient sich musikhistorisch bzw. klanglich an den angenehmsten Exponenten der 80er Jahre. Depeche Mode dürfen jetzt als Referenz herbeigezogen werden. Düstere elektronische Klangteppiche, melancholische Stimmung, reduzierte, kalte Sounds. Kurz: New Wave. Wunderbar gelungen z.B. in den Songs „Nacht“ oder „On the Run“. Trotzdem tauchen immer wieder Fuzz-Gitarren oder gar Shoegaze-Elemente auf, was das Album zu einem wahrhaftigen Genuss macht. In der deutschen Musiklandschaft sucht man zurzeit vergebens nach etwas vergleichbar Gelungenem. Erstklassiges, tiefsinniges, düsteres, majestätisches und entsprechend äusserst hörenswertes Album.
10 | Volbeat – Beyond Hell/Above Heaven | Metal/Rockabilly | Vertigo/Universal | 8.5/10 – S. Grünig

Wo Volbeat draufsteht, ist Volbeat drin. Dabei lodert vielerorts bereits vor dem Release die Kritik: Volbeat klonen Volbeat. Teilweise werden zwar wiederum Parallelen zur früheren Diskographie wach, aber Volbeat bleiben damit sich, ihrem extravagantem Sound und den Fans treu – das gefällt, überzeugt und entfesselt Tanzlaune: Volgas. Letztlich wird die Band für exakt diesen Charakter und ihre Eigenart so umgarnt. So what? Mit dem Song „Evelyn“ marschieren die Dänen dennoch in eine neue Sphäre und Poulsen (Sänger/Gitarrist) beweist damit auch künftig mit Ideenzunder zu proleten... Einziger Wermutstropfen und hiesiger Abzug: Der Gänsehautfaktor der ersten beiden Alben konnte – leider wie schon der Vorgänger „Guitar Gangsters and Cadillac Blood“ – nicht zurückerobert werden.
10 | Natacha Atlas – Mounqaliba | World Music | World Villag | 9.0/10 – TheNoise

Die belgische Sängerin mit marokkanisch-englischen Wurzeln hat sich von Dancefloor-Klängen immer weiter in Richtung "klassischer" ägyptischer Musik bewegt. Auch auf "Mounqualiba" verbindet sie Orient und Okzident: orientalische Orchesterklänge, französische Chansons und eine
Nick-Drake-Adaption geben sich ein munteres Stelldichein. Manche Stücke werden durch atmosphärische Geräusche - etwa ein schwach durch den Verkehrslärm dringender Muezzin - und Statements verschiedener Menschen verbunden. Ein hervorragendes, rundum dichtes Album mit oft schwelgerischen Arrangements und interessanten Wechselspielen von (Chor)Gesang und Orchester.
17 | Abe Vigoda – Crush | Noise Rock | Bella Union | 6.5/10 - M. Zuckschwerdt

Die vier Querköpfe aus Los Angeles sind auch auf dem neuen Album stilistisch schwer einzuordnen. Da werden Erinnerungen wach an Joy Division, Depeche Mode und
The Cure, aber auch
Interpol, She Wants Revenge oder My Bloody Valentine fallen mir ein. Abe Vigodas Songs leben von treibenden Beats, roher Energie, minimalistischen Synthesizermelodien, sowie viel Echo und Hall auf den Saiteninstrumenten. Mit ihren repetitiven, aber nicht banalen Songstrukturen baut sich immer wieder eine hypnotische Wirkung in den Songs auf. Insgesamt ist "Crush" ein gelungenes Album, dem einzig ein paar Ohrwürmner mit Hitpotential fehlen.
24 | Anoraak - Wherever the Sun Sets | Synth Pop | Naive | 5.0/10 - T. Imbach

Das Cover lässt es vermuten: Valerie Collective-Mitglied Anoraaks Alleingang gerät ziemlich kitschig und sülzig. Kommt der stets etwas schläfrige Gesang, darunter auch jener von Gästen wie Sally Shapiro, hinzu, ist es des Guten etwas zuviel. Es sind viel mehr Einflüsse aus Italo Disco und Disco-Funk, die in gedämpfter und unterdrückter Form die spätsommerlichen Vintage-Klänge auf "Wherever the Sun Sets" doch hörenswert machen.
24 | Tricky - Mixed Race | Alternative Dance | Domino | 6.5/10 - T. Imbach

Solange auf einem Tricky-Album eine Handvoll Stücke zum Besten gehören, das der Brite auf die Beine gestellt hat (und das will angesichts mehrerer Meisterwerke in den 90ern durchaus was heissen) bleibt man dran und hört auch wieder in sein nächstes Album rein - das bluesige "Early Bird" oder die Rai-Anleihen in "Hakim" sind solche Songs und eine Bestätigung für das nach wie vor existente Genie des Pioniers aus Bristol. In zehn Minuten und einer knappen halben Stunde nimmt sich Tricky Dancehall, Dubstep, Vaudeville-Blues, Swing, House und selbst Düster-Trip Hop-Sounds ("Ghetto Stars") an - hört sich zwar an wie eine Shuffle-Playlist, und nur weniges wird in Erinnerung bleiben - aber genug, um auch das nächste wieder anzuspielen und auf den grossen Wurf zu hoffen.
24 | Deer Tick – Black Dirt Sessions | Folkrock | Naive | 5.0/10 - Ph. Feer

Das dritte Album der schwer fassbaren Folkrocker Deer Tick greift auf ihr letztes Album „Born on a Flag Day“ zurück und erhält mit Ian O'Neill Unterstützung von der Band Titus Andronicus. Die Songs sind aber deutlich Blues -und vor allem Pianolastiger, als gewohnt, oft getränkte und traurige Balladen, die dem Tanz nicht abgeneigt sind. Stimmlich bewegt sich John McCauley zwischen einem müden Isaac Brook Modest Mouse und einem zögerlichen Kristian Matson alias
The Tallest Man on Earth. Mit „When She Comes“ hat dann noch einen groben Schnitzer, gelangweilter Gitarrenrock, der nicht recht ins Bild passen will.
28 | Aloe Blacc - Good Things | Soul | Stones Throw | 8.0/10 - T. Imbach

Nicht nur "good things": Der Opener "I Need a Dollar" ist der beste R&B-Songs des noch jungen Jahrzehnts, und auch der unerreichte Höhepunkt auf seinem zweiten Solo-Album. Ausflüge in den Reggae, ein richtig grossartiges Velvet-Underground-Cover oder berührende Gospel-Anleihen machen auch das Album in Gesamtlänge zum Muss.
28 | Olivia Pedroli - The Den | Singer/Songwriter | Betacorn | 8.0/10 - TheNoise

Geschmackvoll verstörend sind die Arrangements, eine Mischung aus Folk und experimenteller Kammermusik, die der islandische Produzent
Valgeir Sigurðsson (
Björk,
Bonnie "Prince" Billy,
CocoRosie) der Westschweizer Musikerin (ehemals Lole) verpasst hat. Mit Pedrolis Kopfstimme gibt das den Liedern einen geheimnisvoll-entrückten Touch. Das wird gleichermassen befremdeln und anheimelnd - für romantisch-neblige Herbsttage