Genre: Weirdo-Pop | Label: Domino Recordings (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 8.0/10
Theatralisch in die Eier gekickt
Seltsame Musik zwischen Musical, Folk, Indie und Irrenhaus.
Gleich zu Beginn warne ich diejenigen, welche mit Charakterstimmen nichts anfangen können: lest diesen Text nicht und hört erst recht nicht diese Platte.
Denn was Hayden Thorpe und seine wilden Biester im zarten Alter von 21 Jahren da von sich geben, kann auf die Nerven gehen wie Stau im Hochsommer ohne Klimaanlage und ohne Getränke an Bord. Sänger Hayden Thorpe heult, kreischt, quietscht und trällert, dass nicht nur Glasscheiben um ihr Leben fürchten müssen. Ich habe den Draht zu der Platte auch erst nach einer dreistündigen Campingplatzsuche rund um Stockholm (Heiland, kann man sich dort herrlich verfahren…) gefunden.
Es braucht Geduld und Goodwill, doch erkennt man erst einmal die musikalischen Finessen und die pervers aufdringliche Schönheit Thorpes Stimme kann man nicht genug von ’Limbo, Panto’ bekommen. Die überbordende Spielfreude, die rhythmischen Kapriolen, das durchdachte Geflirre und Gezappel der Instrumente sowie die stilistische Vielseitigkeit rechne ich der Band hoch an. Was Thorpe mit seinem ausserirdischen Stimmorgan zum Besten gibt, ist irgendwo zwischen Opernhaus, Musicalbühne, LSD und Nervenheilanstalt einzuordnen. Er trifft sämtliche vorstellbaren Töne des menschlichen Stimmorgans ohne merkliche Schwierigkeiten. Das tönt teilweise nach wüster Kastration, dann wieder einigermassen männlich bzw. menschlich und plötzlich nach Kinderchor auf Droge. Jedenfalls sehr charmant und vielleicht sogar modern. ’The Devil’s Crayon’, ein Duett mit Bassist Tom Flemming zeigt, dass Thorpes nicht das einzige Stimmtalent der Band ist.
’She Pulled While I Grrred’ zeigt die ganze Bandbreite des Wild-Beast’schen Klanguniversums am Besten. Eine seltsam zwitschernde Gitarre, verschiedenste Rhythmikelemente sowie gekonntes Spiel damit, saubere, trotzdem ständig variierende Bassline. Dazu bzw. darüber: Thorpes einerseits unverständliches, beinahe geflüstertes Gebrummel, anderseits seine klare Melodieführung und dann wieder sein irrwitziges Gequietsche. Die Musik tanzt und zappelt rund um die Stimme, schmiegt sich an sie, unterstützt sie wenn nötig, lässt Platz für ihre Entfaltung und übernimmt im richtigen Zeitpunkt die Führung. Sensationellstes Lied auf einer sensationellen Platte.
Am schlauesten beschreibt wohl dieser Kommentar aus dem Booklet die Wild Beasts: ’The four boys of Wild Beasts aren’t concerned with being modern, or being of the renaissance, being baggy pantsed or being tight pantsed, being in a scene or being in a place. Wild Beast’s music, being what it is, just is.’
Sehr gute, sehr gewöhnungsbedürftige, sehr eigensinnige, teilweise sehr kranke, verwirrende Musik für jeden, der ungewöhnliches zu schätzen weiss.
Seit 13. Juni 2008 im Handel.
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Anspieltipps:
> The Devils Crayon
> The Old Dog
> She Purred While I Grrred
Diskographie:
> Limbo, Panto (2008)
Ähnliche Künstler:
> Clap Your Hands Say Yeah
> The Dresden Dolls