Genre: Rock | Label: Pink Flag (Irascible) | Unsere Wertung: 8.0/10
Damals wie heute – eigenwillig und stark
Wire haben als eine der wichtigsten Bands der 1980er Jahre viele Musiker beeinflusst. Mit „Red Barked Tree“ zeigen sie, dass sie auch nach dreissig Jahren längst nicht ausgedient haben.
Nachdem Punk die Popmusik in Trümmer zerlegt hatte, machten sich einige Spielkinder daran, die Splitter wieder neu zusammenzusetzen. Ihre Gebilde waren gleichermassen vom „anything goes“ des Punk und vom künstlerischen Stilwillen geprägt. Energiegeladen und eigenwillig, haben sich Wire als Art-Punks nie auf die reine Zerstörung beschränkt. Ihre raue, ungestüme Musik galt schon früh als stilbildend – laut und mächtig, simpel, aber nicht primitiv. Manche Songs ihres Debütalbums „Pink Flag“ waren noch nicht einmal eine Minute lang. Minimal-Punk, der mit der Zeit artifizieller wurde, aber weder verkopft noch kraftlos.
Wire sind längst nicht mehr so ungestüm wie in den 1970er Jahren. Sie haben mit Synthesizern experimentiert und der Gitarre immer wieder mit wohldosierten Weichspüler-Effekten die Schärfe genommen. Dass die Briten durchaus auch süsse Melodien mögen, ist nicht neu. Nur dass Graham Lewis den Brian Ferry macht, ist mir aber erstmals bei „Please Take“ aufgefallen, dem Auftaktstück von „Red Barked Tree“. Die deutliche Sprache relativiert die vermeintliche Nähe sofort.
Und auch wenn bei weiteren Liedern – etwa „Adapt“ und „Clay“ – die eingängigen Melodien dominieren: Die Gefahr der Überzuckerung droht nie. Denn erstens unterlegen Wire die Melodien mit einem minimalistisch-redundanten Fundament, und zweitens konterkarieren sie die milderen Stücke mit lärmigen wie „Two Minutes“ oder verstörenden wie „Moreover“. Wire haben ihr Klangbild in den 30 Jahren ihres Bestehens (da sie sich schon drei Mal aufgelöst haben, darf man einige Jahre von den aktiven abziehen) so weiterentwickelt, dass man heute überrascht ist, dass sie nicht schon zu Pink-Flag-Zeiten so geklungen haben wie heute. Handwerkliche Fähigkeiten interessieren nach wie vor nicht. Die Gitarren werden immer noch ungekünstelt gespielt, und Robert Grey bearbeitet das Schlagzeug so simpel und stupend, als ob er seit der ersten Platte nichts dazu gelernt hätte. Braucht er auch nicht. Denn Wire leben noch immer die Art-Punk-Idee, in der die Kreativität mehr zählt als die Fingerfertigkeit – und sie tun uns einen grossen Gefallen, daran festzuhalten.
Nächste Konzerte: 23.2. Zürich, 25.2. München, 26.2. Berlin, 28.2. Köln, 1.3. Hamburg
Seit 11. Januar 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Now Was
> Moreover
Diskographie:
> Pink Flag (1977)
> Chairs Missing (1978)
> 154 (1979)
> Document and Eyewitness: Electric Ballroom live (1981)
> Play Pop (1986)
> The Ideal Copy (1987)
> A Bell Is a Cup...Until It Is Struck (1988)
> It's Beginning to and Back Again live (1989)
> Manscape (1990)
> Drill (1990)
> The First Letter (als „Wir“) (1991)
> Send (2003)
> Wire on the Box: 1979 (CD+DVD, live) (2004)
> The Scottish Play: 2004 (CD+DVD, live) (2005)
> Object 47 (2008)
> Red Barked Tree (2011)
Ähnliche Künstler:
> Gang Of Four
> Pere Ubu
> Television
> Patti Smith