Genre: PostPop | Label: Mute (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 7.0/10
Staubspur
Yann Tiersen komponierte schon den einen oder anderen sehr gelungenen Soundtrack zu ebenfalls gelungenen Filmen. Sein neuestes Studioalbum „Dust Lane“ ist der Privatsoundtrack für jedermanns Kopfkino.
Der Begriff 'Kopfkino' wir übermässig häufig im Zusammenhang mit kreativer, träumerischer und friedlicher Musik genannt, zu welcher man seinen Gedanken, Ideen und Konzepten freien Lauf lassen kann. Üblicherweise fällt der Begriff in einem Atemzug mit Postrock. Davon ist Yann Tiersen tatsächlich nicht weit entfernt. 'Post' geht in Ordnung, der Begriff 'Rock' passt hier jedoch nicht zwingend, dafür ist Tiersens neues Werk schlicht zu lieblich, vielfältig und gesund (im Vergleich zum teilweise wirklich deprimierend wirkenden Postrock).
Der bretonische Alleskönner bzw. -spieler vereint Gitarren, Synthies, Klavier, Handorgel, Glockenspiel, Vibraphon sowie mehr oder minder alle anderen denk- und vorstellbaren Instrumente zu einem wunderbar vielseitigen Klangspektakel. Glücklicherweise verliert er sich nicht in ausufernd fröhlichem Gedudel, sondern bleibt konstant zurückhaltend, unaufgeregt, entspannt und melancholisch. Vereinzelte Ausbrüche verleihen seinem Werk das gewisse etwas, der Spagat zwischen instrumentaler Vielfalt und klanglicher Zurückhaltung gelingt ihm bestens. Die Songs sind, aus der Perspektive eines 'Normalkonsumenten' bzw. Radiohörers betrachtet, durchwegs melancholisch und verhältnismässig trist. Entsprechend wird das Werk dem anspruchsvollen Hörer gefallen. Immer wieder funkeln eigenwillige Klänge auf. Bilder von kleinen, hüpfenden Lichtern, tauchen auf (warum ich diese sehe, ist mir unklar) und verleihen dem Album eine gewisse hoffnungsvolle Komponente. Diese Hoffnung schimmert in Tracks wie „Palestine“ durch. Der Name dieses nicht zwingend mit Glückseligkeit assoziierten Ortes wird, begleitet von einem gleichermassen unbequemen, nervösen wie auch verheissungsvollen Sound, sehr monoton buchstabiert.
„Ashes“ lässt sich Zeit, wird in kleinen Schritten aufgebaut und schlussendlich von einem freundlichen Chor zum Höhepunkt getrieben. Wiederum ist die Grenze zwischen Verzweiflung und Hoffnung nur undeutlich, schemenhaft skizziert, das Spiel mit diesen Polen funktioniert ausgezeichnet.
Das Album „Dust Lane“ ist trotz überwiegend pessimistischer Grundstimmung insgesamt konsumentenfreundlich, hat nur selten Ecken und Kanten, bleibt entsprechend schwerlich im Ohr hängen, kann jedoch bei genauem hinhören wunderbar herausfordern. Ein Album, welches dich gleichermassen einlullen wie auch anregen kann. Die Interpretation wird dem Hörer überlassen.
Wer Tiersen nur mit dem Amelie-Soundtrack verbindet und ähnlich quirliges erwartet, wird enttäuscht, wer jedoch offenen Ohres dem Schaffen eines grossartigen Komponisten der Neuzeit lauschen will, wird bestens bedient.
Seit 8.Oktober 2010 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Dark Stuff
> Ashes
Diskographie:
> La Valse et les monstres (1995)
> Rue des cascades (1996)
> Le phare (1998)
> Tout est calme (1999)
> L'absente (2001)
> Le fabuleux destin d'Amélie Poulain (Soundtrack, 2001)
> C'était ici (Live 2002)
> Good Bye, Lenin (Soundtrack, 2003)
> Yann Tiersen & Shannon Wright (2004)
> Les Retrouvailles (2005)
> Black Sessions (1999/2005)
> On Tour (2006)
> Tabarly (2008)
> Dust Lane (2010)
Ähnliche Künstler:
> Matt Elliott
> Philipp Glass
> Stephan Eicher
> Syd Matters