Vorhang auf für Joe Tschudi Ihr kennt Joe Tschudi noch nicht? Noch vor ein paar Stunden gehörte ich ebenfalls zum Kreis der Unwissenden und skeptisch wie ich bin, hab' ich vor dem Hören seiner EP "Telegram" nichts Grossartiges und höchstens ein paar Schrammel-Songs erwartet. Oh je, was habe ich mich getäuscht...
Hoppla. Was war denn das gerade? Habe mir soeben die im November veröffentlichte EP "Telegram" von St. Galler Singer/Songwriter Joe Tschudi angehört und bin immer noch sprachlos. Ich habe schon VIEL Schweizer Musik gehört und als Rezensentin bekommt man sowieso - ob man will oder nicht - viele CDs von ambitionierten Schweizer Indie-/Rock-Bands/-Musiker geschickt, aber noch nie hat mich ein Silberling so begeistern können wie Joe Tschudis erste Soloveröffentlichung. Und glaubt mir, diese Euphorie ist nicht unbegründet. Fünf Stücke umfasst das eher kurze Schmuckstück und gleich das erste, "Tell You Why", überzeugt mit klaren, eingängigen Gitarrenriffs, sanften Keyboardklängen und einer ohrwurmverdächtigen Melodie. Was aber gleich zu Beginn besonders auffällt, ist Joe Tschudis charakteristische, coole Stimme, die so manchen internationalen Kollegen übertreffen könnte. Das Beste ist: Er singt ohne jeglichen Akzent und belastet das Gehör somit nicht mit einem pseudo-Schweizer Englisch. Das zweite Stück, "Line On Time", beginnt mit zupfartigen, hüpfenden Keyboard-/Streicherakzenten und entwickelt sich mithilfe einer groovigen Basslinie genauso zu einem hitverdächtigen Song wie der Vorgänger. Joe Tschudi wird hier erstmals von einer zweiten, weiblichen Stimme (jener von Verena Hagmüller) begleitet, die seine Stimme perfekt ergänzt. Während "Tell You Why" und "Line On Time" nachdenkliche, melancholische Momentaufnahmen sind, ist "Space Odyssee", Track Nr. 3, ein eher locker-flockiger, funkiger Song - aber nicht minder bemerkenswert. Nach den drei tollen Tracks würde man ein Abflachen, eine Verschlechterung erwarten, wird aber angenehm überrascht: Mit "Brave New World" und "Can't Change Time", den beiden abschliessenden Tracks, erreicht die EP nämlich ihren Höhepunkt und katapultiert Joe Tschudi in die Sphären aller anderen, bekannten Singer/Songwriter. Spätestens bei "Brave New World" darf man sich fragen, wieso denn der gute Mensch noch nicht bekannter ist. Mitreissende Drums, zuckersüsse Keyboardklänge und fragile Streicher machen das Stück zu einem grossen Hörvergnügen, das bei "Can't Change Time" noch gesteigert wird. Jener Song erlangt mit der perfekten Harmonie der ausdrucksstarken Stimmen Joe Tschudis und Verena Hagmüllers, der melancholischen Melodie, den herzzerreissenden Streicher, der ausgeklügelten Komposition und den eingängigen Riffs Weltklasse-Potential und zeigt uns unmissverständlich, zu welch grosser Tat der 27-jährige Joe Tschudi fähig ist. Herrlich. Einfach herrlich. Wo ist der Repeat-Button? Nicht nur in musikalischer Hinsicht ist "Telegram" eine zu lobende Publikation, auch die tiefgründigen Texte sind nicht ohne und erzählen in poetischer Weise gleichermassen von einsamen Herzen wie von einer grausamen Welt und traurigem Abschied. "I'm gonna leave here soon, I'm gonna fly to the other side of the moon", singt Joe Tschudi. Hoffen wir, dass er nicht lange weg bleibt und uns nicht zu lange auf das neue Album warten lässt. Freuen wir uns bereits jetzt auf eine baldige Rückkehr des Joe Tschudi, über den man mit Sicherheit noch reden wird. Respekt. Seit 30. November 2004 im Handel. Anspieltipps: Brave New World, Can't Change Time similar artists: John Frusciante > Hören und Kaufen > Offizielle Seite > Label > CH-Vertrieb Bio: Johann Tschudi wurde 1977 im Kanton St. Gallen geboren und spielt schon seit 14 Jahren Bass und Gitarre in verschiedenen Bands und für verschiedene Projekte. Seit drei Jahren beschäftigt er sich zudem mit elektronischen Instrumenten. "Telegram" ist sein erstes Soloprojekt, das von der RecRec Medien AG vertrieben wird. Bis Ende 2005 wohnt Joe Tschudi nun in Barcelona, wo er fieberhaft an einem neuen Longplayer arbeitet. Im Herbst wird er mit einer Live-Band in Schweizer Clubs auftreten.  Diskographie: > Telegram (2004)
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