Marygold stammen aus Luzern und zeigen einmal mehr, dass
diese Stadt nicht nur optisch, sondern auch rockmusikalisch nicht zu
übertreffen ist.
Den grössten Teil der Woche verbringe ich (mein Körper zumindest) sitzend oder strampelnd irgendwo zwischen Hörsaal und Bümpliz (7. Stock). Zwischen Länggasse, Güterbahnhof und Hochhaussiedlung Mädergut träume ich vom Stierwaldvettersee, dem Pilatus und dem wunderschönen Rest (okay, Bern hat auch keine hässliche Altstadt und die Aussicht von der Schanze auf die Berner Alpen ist ziemlich gelungen…) Aber: Luzern hat zu all der offensichtlichen Pracht die wohl deftigsten Bands der Schweiz! Und Marygold rangieren auf der Liste der besten Rockbands der Schweiz ganzganzganz weit oben. Aus offensichtlichem Grund wird Luzern schliesslich auch Rock-City genannt. Marygold spielen auf ihrem zweiten Studioalbum zehn ganz grosse, emotionsgeladene Rocksongs mit elektronischen Einflüssen. Und genau diese elektronischen Einflüsse machen das Album so gross. Die meist eingängigen, trotzdem immer wieder überraschenden Melodien; der manchmal zweistimmige, immer traurige, nie nervige Gesang; die satten Gitarren und das präzise Schlagzeug hätten eigentlich genügt um ein gutes Album zu produzieren. Die Elektronik macht zusammen mit eben benannten Elementen aus einem guten jedoch ein sackstarkes solches.
Der Opener ’Nothing Else’ eröffnet das Werk mit minimalistischem Beat, arschkaltem Gitarrenriff und mystisch verzogenem Gesang. Macht Lust auf mehr. Nummer 2, ’Strange Kind Of Addiction’ ist eine waschechte Indie-Ballade, wie ich sie bisher nur auf Sluts ’Nothing Will Go Wrong’ in ähnlich perfekter Form gehört habe. ’Divine Grace’ überzeugt durch den irgendwie fremd erscheinenden, polternden Elektrobeat, der im kurzen Refrain ein bisschen zurücksteckt, um dem Schlagzeug, sowie wunderschönen Streichern Platz einzuräumen. Die verträumte Melodie, das feine Gitarrensolo, wie auch der etwas kräftiger angeschlagene Schluss des Liedes garantieren kalte Schauer. ’The Pretender’ ist erneut eine kluge Indieballade, wunderschön gefühlvoll gesungen, scheu klimperndes Piano, perfekt. Das Wechselspiel zwischen Halsbrecher-Riff und himmelschreiend traurigem, zweistimmig gesungenem Refrain in ’Cold Desert’, dem Höhepunkt der Platte oder der Esel auf dem Pilatus, verdient schliesslich Olympiagold. ’’Die Leute, die uns hören, sollen weinen.’’, antwortet Philipp Burrell auf die Frage nach der Motivation für sein Schaffen und damit hat er so etwas von Recht. Spätestens bei ’Sunshine Of My Life’, einem traumhaft traurigen Schmückstück von Indiesong, bei welchem die Gitarre zwar ordentlich schreit, den Kontrast zum beinahe depressiven Gesang aber genial verstärkt, weint auch der allerletzte Optimist. Weiter im tristen Takt mit ’Insecure’, diesmal mit verzerrter Gitarre und elektronischen Störgeräuschen - und tatsächlich denke ich an Blackmail. ’Failure Rate’ schliesst die Platte mit Hammermelodie, Piano, mystischen Loops, elfischem Backgroundgesang und düster im Hintergrund leidender Gitarre ab. Das interessante, vielseitige, abwechslungsreiche, wunderschön traurige und sehr stark gespielte Album geht zu Ende und sofort zieht es den Finger zur Play-Taste um das Ganze nochmals zu geniessen; ganz gross, wie gesagt. Wer in, von oder mit Luzern träumen möchte muss sich diese Platte beinahe zwingend anschaffen.
Seit 30. Oktober 2006 im Handel.
Anspieltipps: Nothing Else, Divine Grace, Cold Desert, Sunshine Of My Life, Failure Rate
Trackliste: 1) Nothing Else; 2) Strange Kind Of Addiction; 3) Divine Grace; 4) The Pretender; 5) Cold Desert; 6) Not There; 7) Sunshine Of My Life; 8) Insecure; 9) Waiting For A New Start; 10) Failure Rate
similar artists: Slut, I am X, The Cooper Temple Clause, Ken
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Bio:
Marygold wurde im Herbst 2001 gegründet. Nach dem ersten Longplayer ’Turned Left But Don’t Know If I Was Right’ im Jahre 2003 wechselte die Besetzung, was massgeblich für die neue Prägung der Band war. Philipp Burrell (voc., git.), Patrick Zosso (dr., loops), K-cee Schinz (ba.) und Claudio Renggli (git.) betrachten die Aufnahme der Akustik-Live-EP in der Boa in Luzern als tief greifenden Schnittpunkt ihres musikalischen Schaffens. Die vier begannen im August 2005 mit der Arbeit am neuen Album, welches sie in Eigenregie aufnahmen.