Eine Bieler Zigeunerband veröffentlicht ein frisches Album,
das an einem Grillfest im Garten genauso gut funktioniert, wie beim im
Regen stehend auf den Bus warten.
Lange Einleitungen sind nicht Puts Marie’s Ding, beim Opener „Happy Game“ steckt man, wie bei den meisten anderen Songs, gleich von Anfang an mittendrin: Dreckig schrammelnde Gitarre, trashige Drums und vor allem der blecherne Bass können mir vom Fleck weg ein Grinsen aufs Gesicht zaubern. Die warmen Orgelklänge im Refrain tun ihr Übriges, das ergibt zusammen mit dem näselnden Gesang einen locker rollenden Opener, der einfach gut anzuhören ist.
Auch das zweite Stück „Lady“ ist gelungen. Sooo relaxt grooven wenige Schweizer Bands und überhaupt erinnert mich Puts Marie’s Sound eher an talentierte Musikschaffende aus Belgien. Mit denen teilen sie diese sympathische Verschrobenheit und ein gewisses Indie Pop-Feeling, das sich schwer in Worte fassen lässt.
Die Songs sind fast ausnahmslos simpel gestrickt, sie haben so viel wie es braucht, aber nicht weniger. Ganz klar, hier merkt man der Band ihre vielfältige Live-Erfahrung an. Über die gesamte Platte verteilt, decken Puts Marie ein erstaunlich breites Spektrum an unterschiedlichen Stimmungen und Grooves ab, ohne sich bei irgendwelchen musikalischen Vorbildern anzubiedern. Sei es das verkaterte „Mary Ann Finn“ oder das darauf folgende, mit einer leisen, aber sich unnachgiebig ins Ohr bohrenden Orgel versehene „Brush Air“ – den Bielern nimmt man alles ab. Letzteres ist mit seinem säuselnden hohen Gesang und dem noisigen Intermezzo, das mich an alte dEUS-Untaten erinnert, eines der psychedelischsten und auffälligsten Stücke der Platte.
„Chinese Breakfast“ ist zur Abwechslung mal melancholisch, getragen von einer akustischen Gitarre, Kontrabass und reduziertem Schlagzeugspiel. Die Orgel setzt einmal mehr dezent Farbtupfer ins Klangbild. Zusammen mit dem rhythmisch ungewohnt eingesetzten Gesang ergibt dies eine originelle Kombination, fernab von Lagerfeuerromantik.
Erwähnenswert ist auch das groovige „Rain“, bei dem es mir besonders der instrumentale Mittelteil mit dem jazzigen Walking Bass angetan hat, der am Schluss wiederkehrt wird und ein Saxophonsolo untermalt.
Das folgende, zweiteilige „Apocalypso“ ist eines der Highlights, leider sehr kurz geraten – aber vielleicht gerade deshalb so cool. Ebenfalls zweiteilig ist „Toxication“, ein wohl absichtlich nerviger Song, der es einem schwer macht bis zum unvorhersehbaren, harmonischen Schluss, welcher mit mehrstimmigem Gesang an die Beatles oder Simon und Garfunkel erinnert und im Kontrast umso mehr zu gefallen weiss – witzige Idee und gute Umsetzung.
Als Fazit kann man festhalten, dass „Dandy Riot“ von Puts Marie fast durchwegs gelungen und ausserdem sehr partytauglich ist. Ich freue mich schon darauf, die Qualitäten der Band live (am besten kombiniert mit belgischem Bier) zu geniessen.
Seit 30. März 2007 im Handel.
Anspieltipps: Brush Air; Rain; Apocalypso
Trackliste: 1)Happy Game; 2)Lady; 3) Camping Car; 4) Mary-Ann Finn; 5) Brush Air; 6) Classic Beaver; 7) Don’t Wanna Be; 8) Interlude; 9) Chinese Breakfast; 10) No Way Out; 11) Rain; 12) Apocalypso; 13) Sou Hung; 14) Toxication; 15) Go To Hell
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Bio:
Die Biographie von Puts Marie müsste wohl im Jahre 2000 beginnen, mangels Informationen der ersten Jahre seien an dieser Stelle aber bloss die ersten Aufnahmen aufgeführt. In der Kulturfabrik der Heimatstadt Biel nehmen Max Usata, Sirup Gagavil, Igor Steniewski und Nick Porsche mit Hilfe einiger Gäste „Musique chinoise“ auf. Die Besetzung ist bis zum heutigen Tag dieselbe und auch bei allen folgenden Veröffentlichungen haben diverse Gastmusiker Puts Marie unter die Arme gegriffen. Das zweite Album „Is God A Dog“ (2002) wird erneut live in der Kulturfabrik Biel aufgenommen.
Richtig los geht es aber erst im November 2004: Die Bandmitglieder verschachern ihr Hab und Gut, richten einen alten Bedford her, packen die Koffer und machen sich von dannen, vorerst Richtung Norden. An der Stelle beginnt ihr Zigeunerleben, ihre Odyssee durch die Metropolen Europas. Das Vorgehen ist jeweils simpel: Gestartet wird auf einem beliebten öffentlichen Platz, wo die Band chansonähnliche Lieder in italenisch, französisch und schweizerdeutsch neben Coverversionen von Tom Waits, Beatles, Sugababes, Mani Matter, etc. intoniert. Während der circa drei Wochen, die die Band an einem Ort bleibt, entwickeln sich Kontakte, erste kleine Szenekonzerte finden statt, mehr und mehr Leute bekommen Wind von den „Schweizer Vagabunden“ und die Band nimmt jede sich bietende Auftrittsgelegenheit wahr. Dabei werden fleissig selbstgebrannte CDs verkauft und zum Aufenthaltsende hin spielen Puts Marie auch mal in gutgefüllten Hallen. Auf der Bühne gibt die Band ausschliesslich ihre eigenen Songs zum Besten.
So will es die Legende jedenfalls. Dass mit diesem Lebensstil, der die Bands von Sevilla quer durch die Metropolen Europas bis nach Kopenhagen gebracht hat, den Rock’n’Roll-Klischees ausgiebig gefrönt wurde, glauben wir gerne und verzichten an dieser Stelle auf explizite Schilderungen.
Dafür sei erwähnt, dass die Band das dritte Album „Le drame de Pastis“ 2005 im „Le Delirium“ in Avignon aufgenommen hat und der Mix in Rom stattfand.
Ein wichtiger Schritt für die verqueren Bieler dürfte das neue Album „Dandy Riot“ sein: Erstmals im Studio aufgenommen, erscheint es auf dem deutschen Label Hazelwood Vinyl Plastic und findet damit hoffentlich viele Hörer. Das Potenzial ist zweifellos sehr gross und die Band vermengt eine Vielzahl musikalischer Einflüsse zu einem in den Grundzügen einfachen, trashigen Rocksound mit viel Witz und Charme.